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Öl- und Gasförderung vor Wolin: Die Ostsee darf nicht zum Industriegebiet werden

Im Juli habe ich mich auf Usedom mit den Umweltverbänden zum Ostseeschutz und möglichen Öl- und Gasbohrungen vor Usedom und Wolin ausgetauscht. Seitdem haben wir auf unterschiedlichen politischen Ebenen versucht, mehr Informationen zu erhalten. Bisher ohne konkreten Erfolg, obwohl Polen das grenzüberschreitende Verfahren bereits am 3. Juni 2026 angeordnet hatte und in Dänemark die Öffentlichkeitsbeteiligungsverfahrens bereits im August lief. Die nun im Rahmen des Scopingverfahrens an die Umweltverbände verschickten Projektunterlagen zeigen, welche Dimension die geplante Öl- und Gasförderung in der Pommerschen Bucht annehmen könnten. 

Laut Projektunterlagen verfügt die Lagerstätte Wolin East, die rund sechs Kilometer vor Swinemünde liegt, über geschätzte förderbare Erdölreserven von rund 21 Millionen Tonnen. Geplant sind eine künstliche Bohr- und Förderinsel mit eigenem Hafen, Wellenbrecher und einer 200 Meter breiten und zwölf Meter tiefen Zufahrtsrinne. Die Infrastruktur ist für bis zu 30 Bohrungen ausgelegt. Die Förderung soll zunächst rund 4.100 Tonnen Öl pro Tag erreichen; perspektivisch wird eine Verdopplung erwogen. Insel und Wellenbrecher sind für eine Nutzungsdauer von mehr als 50 Jahren ausgelegt.

Besonders besorgt mich das Risiko für die ohnehin stark belastete Ostsee. Dieses fossile Projekt liegt nämlich in unmittelbarer Nähe mehrerer europäischer Meeresschutzgebiete: rund 200 Meter östlich beginnen zwei Natura-2000-Gebiete sowie das HELCOM-Meeresschutzgebiet Pommersche Bucht. Diese sind insbesondere für Zugvögel, Kegelrobben und Schweinswale von großer Bedeutung. Die für das Projekt ausgewerteten Umweltdaten weisen für die untersuchten Gewässer bereits heute einen schlechten bis sehr schlechten ökologischen Zustand aus. Hinzu kommen erhebliche Havarierisiken. Die Unterlagen machen deutlich, dass ein größerer Ölaustritt gravierende Folgen für die Pommersche Bucht und die Küste haben könnte. 

So habe ich das gegenüber der Presse kommentiert:

“Ich bin erschrocken über die Dimension dieser Pläne. Hier geht es längst nicht mehr um eine einzelne Bohrstelle, sondern um einen neuen fossilen Industriekomplex direkt vor Usedom und in unmittelbarer Nähe mehrerer europäischer Meeresschutzgebiete. Mitten in der Pommerschen Bucht sollen eine rund zehn Hektar große künstliche Insel mit einer dauerhaften Ölbohranlage, ein eigener Hafen und Infrastruktur für perspektivisch bis zu 30 Bohrlöcher, Öllagerung und mögliche Gasförderung entstehen. Dazu kommen eine neue Fahrrinne und zusätzlicher Tanker- und Schiffsverkehr. 

Besonders alarmierend sind die Havarierisiken. Aus den Projektunterlagen geht hervor, dass ein größerer Ölunfall unter den Bedingungen der Ostsee katastrophale Folgen haben könnte und die Wahrscheinlichkeit einer Verschmutzung der nur wenige Kilometer entfernten Küste in einem solchen Fall sehr hoch wäre. Hinzu kommt, dass giftiger Schwefelwasserstoff freigesetzt werden könnte. Wir reden also über ein Industrieprojekt mit erheblichen Risiken für ein ohnehin hochsensibles Meeresgebiet.

Gerade auf Usedom hängen Tourismus, Arbeitsplätze und Lebensqualität unmittelbar von sauberen Stränden, einer intakten Küste und einer gesunden Ostsee ab. Ostseeschutz ist hier auch Wirtschaftsschutz. Deshalb erwarte ich von der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern und der Bundesregierung, dass sie die Auswirkungen dieses Projekts im grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsverfahren umfassend prüfen und das Thema auf die Agenda des nächsten deutsch-polnischen Umweltrats setzen. Dabei müssen auch die kumulativen Belastungen durch Öl- und Gasförderung, Containerhafen, Fahrrinnen, LNG-Infrastruktur und zusätzlichen Schiffsverkehr in den Blick genommen werden.

Bei einem Projekt dieser Dimension braucht es einen echten grenzüberschreitenden Dialog darüber, welche Entwicklung wir für unsere gemeinsame Ostsee als Naturraum und Wirtschaftsstandort wollen. Und es braucht vollständige Transparenz gegenüber der Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze. Umso irritierender ist, wie wenig die deutschen Behörden bisher über das Verfahren informiert haben. Polen hatte das grenzüberschreitende Verfahren bereits Anfang Juni eingeleitet, in Dänemark lagen die Unterlagen schon seit Anfang August öffentlich aus. Gleichzeitig antwortete die Landesregierung Mitte August auf eine schriftliche Anfrage meiner Kollegin Jutta Wegner, ihr lägen keine offiziellen Informationen vor. Das passt nicht zusammen und muss aufgeklärt werden.

Ein fossiles Großprojekt wenige Kilometer vor Usedom ist keine polnische Lokalangelegenheit. Wenn mögliche Folgen deutsche Schutzgebiete, Strände, Kommunen und Wirtschaftsinteressen betreffen, müssen Öffentlichkeit und Landtag möglichst frühzeitig informiert und beteiligt werden. Entscheidungen dieser Tragweite gehören in die öffentliche Debatte – nicht hinter verschlossene Türen im Schweriner Schloss.“

Weitere Infos

Kleine Anfrage von MdL Jutta Wegner zum Containerhafen und Öl- und Gasbohrungen, Drucksache 8/6694

Kleine Anfrage von MdL Jutta Wegner zu Öl- und Gasförderung vor Usedom – Informationsstand und grenzüberschreitende Beteiligung, Drucksache 8/6867

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