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Das Mosul Traditional Music Festival: Eine Stadt erwacht zum Leben

Nach der ISIS-Besatzung befindet sich Mossul noch immer im Wiederaufbau – das gemeinsame Musizieren ist Symbol dafür. Für das „Mosul Traditional Music Festival“ bin ich in den Irak gereist. Fragen und Antworten rund um das Festival:

Du warst jetzt schon einige Male im Irak: Wie nimmst du die politische Situation im Land wahr und welche Veränderungen und Fortschritte hast du über die Zeit hinweg beobachtet?

HN: Ich habe das Gefühl, dass die Sicherheitssituation wirklich stabiler und besser wird – sowohl in Bagdad, wo man sich inzwischen wieder freier bewegen kann, als auch in Mossul, wo ich mich auch persönlich sehr sicher fühle. Die politische Situation ist eher kompliziert. Im Oktober gab es Parlamentswahlen, die ich im Rahmen der EU-Wahlbeobachtungs-Mission begleitet habe. Allerdings kam es bis jetzt noch immer nicht zu einer Regierungsbildung. Das ist im Irak nicht ungewöhnlich, da sich das Parlament parallel auf eine*n Präsident*in einigen muss. Dieser mühsame Prozess hält die politischen Entwicklungen momentan auf, sodass es noch viele Herausforderungen gibt. Aber vor dem Hintergrund, dass der Irak früher einmal eines der gefährlichsten Länder überhaupt war, würde ich sagen, dass sich viel getan hat.

Besuch beim Wiederaufbau-Projekt "Revive The Spirit Of Mosul" ©Ali Al-Baroodi

Mossul ist eine der ältesten Städte im Irak und war unter der Besatzung durch den Islamischen Staat während drei Jahren Schauplatz vieler Kämpfe. Jetzt befindet sich die Stadt im Wiederaufbau. Hast du das Gefühl, die Stadt erholt sich jetzt?

HN: Die Stadtteile ohne historische Gebäude sind zum Großteil wieder aufgebaut und funktionsfähig – diese wurden aber damals auch nicht so dramatisch zerstört. Die historische Altstadt wurde allerdings in den letzten Tagen der ISIS-Besatzung fast dem Erdboden gleichgemacht. Als ich das erste Mal in Mossul war, war dort, wo einst historische Moscheen und Kirchen standen, nur eine Steinwüste. Und dort versucht die UNESCO nun das, was einmal Weltkulturerbe war, relativ nah am Original und mit den ursprünglich verwendeten Materialien wiederaufzubauen. Das ist natürlich ein langer Prozess. Und trotzdem stehen dort bereits die ersten Häuser im traditionellen Stil aus den alten Materialien, die nun an ihre ursprünglichen Besitzer übergeben werden können.

Vor allem ist es schön, zu sehen, dass gerade jüngere Menschen momentan so ein Vertrauen haben, dass ihre Projekte – wie zum Beispiel ein Unternehmen zu gründen oder ein Haus zu bauen – für den Moment Bestand haben können. Das Trauma der ISIS-Besatzung, dass alles, was man aufbaut, permanent von Zerstörung bedroht ist, ist verschwunden.

Letztes Wochenende hat das „Mosul Traditional Music Festival“ stattgefunden – der Hauptgrund für deine Reise. Wie kam es zur Idee, ein solches Festival zu veranstalten? 

HN: Das Wiederaufbauprojekt der UNESCO trägt ja den Namen „Revive the Spirit of Mosul“. Dabei geht es eben nicht nur darum, Häuser wiederaufzubauen, sondern auch darum, das, was Mosul sonst ausgemacht hat, wieder zurückzubringen: Also auch die Kultur dieser eigentlich mit Kunst und Kultur reich gesegneten Hauptstadt. Unter ISIS war ja alles verboten: Musikinstrumente und Tonträger wurden zerstört, man durfte überhaupt keine Musik mehr machen – wenn überhaupt, dann geschah das heimlich in Katakomben und Kellern. Da auch schon vor der ISIS-Besatzung das Kulturleben in Mossul aufgrund der US-Besatzung, des Bürgerkriegs und des Einflusses von Al-Quaida quasi am Boden lag, bestand die Gefahr, dass die traditionelle Musik Mossuls verloren geht, weil fast eine ganze Generation diese Musik nicht kennengelernt hat. Deswegen war es ein Ziel, diese Musik zu sammeln und der Öffentlichkeit Musikgruppen, die dieses kulturelle Erbe noch vermitteln können, vorzustellen. In diesem Zusammenhang kam mir die „Fête de la Musique“ in den Sinn, die in vielen Städten Europas regelmäßig begangen wird. Ich wusste sofort: Wenn in jeder Ecke Mossuls wieder Musik gespielt würde, in einer Stadt, in der Musik so lange verboten war, dann wäre das auch ein symbolisches Zeichen dafür, dass die Vorherrschaft von ISIS nun endgültig vorbei ist. Mossul ist viel mehr als ISIS. Mossul ist eine Stadt, in der man sich auf eine traditionsreiche Kultur besinnen kann, die jetzt zurückkommt – Das war die Hoffnung, die die Organisator*innen hatten. Dann kam die Idee auf, nicht nur Bands und ihre Musik vorzustellen, sondern ein richtiges Musikfestival an verschiedenen Orten zu veranstalten und auch europäische Bands mit einzuladen, die dann ihre jeweilige traditionelle Musik spielen können.

Zwei Musiker einer Irakischen Band spielen auf der Oud - Eine Mischung aus Ukulele und Gitarre ©Abdullah Rashid
©Ali Al-Baroodi

Was war deine Rolle beim Festival?

HN: Ich habe gemeinsam mit der EU-Delegation, die das Projekt zum Großteil finanziert hat, überlegt, wie man ein solches Musik-Festival in Mossul auf die Beine stellen könnte. Hierzu habe ich mit verschiedenen Organisationen gesprochen, wie zum Beispiel mit der NGO Action for hope, die sich unter anderem für die Vermittlung traditioneller Musik stark macht und das Projekt mit realisiert hat. Bei der Planung gab es natürlich Schwierigkeiten, zum Beispiel Sicherheitsbedenken – diese konnten aber zum Beispiel durch den reibungslosen Ablauf des Besuchs von Papst Franziskus in der Stadt abgeschwächt werden. Hinzu kam die Pandemie: In dieser Zeit ging es darum, allen Beteiligten Mut zu machen und die Botschafter*innen der Länder, aus denen die beteiligten Musikgruppen stammen, zu ermutigen, am Ball zu bleiben. Schließlich habe ich das dreitägige Festival besucht, das erste Konzert eröffnet und die Veranstaltung moderiert. Meine Anwesenheit als Abgeordnete hat natürlich auch Aufmerksamkeit auf die Veranstaltung gelenkt.

Musik soll verbinden und Brücken bauen. An dem Festival haben Musiker*innen mit verschiedensten kulturellen und religiösen Hintergründen teilgenommen. Wie haben sie sich untereinander verstanden? Welches Signal senden Veranstaltungen wie das Festival?

HN: Dazu gab es ein paar ganz besondere Geschichten, zum Beispiel die eines Musikers der Band „Andalusian Roots: Mich fasziniert, dass die andalusische traditionelle Musik der irakischen Musik sehr ähnlich ist. Südspanien stand fast acht Jahrhunderte unter arabischer Herrschaft, was natürlich auch die spanische bzw. andalusische Musik stark geprägt hat. Der Musiker von „Andalusian Roots“ hat selbst irakische Eltern und war als Kind mit ihnen aus dem Irak geflohen. Anlässlich des Musikfestivals kam er zum ersten Mal seit seiner Flucht wieder in den Irak zurück. Das heißt: Das Festival hat ihn persönlich sehr berührt. Seine Geschichte hat er natürlich auch auf der Bühne erzählt.

Und dann gab es noch ein französisches Trio: Drei junge Frauen, die mit schulterfreien Kleidern mit weitem Ausschnitt auf die Bühne kamen. Ich glaube, alle hielten in diesem Moment kurz den Atem an. Dann haben sie aber losgelegt und den ganzen Raum mit ihrer Musik erobert. Das war eine Riesenparty und es war auf einmal egal, was sie anhatten. In solchen Momenten merkt man, dass Musik so viele Brücken bauen und Gräben überwinden kann.

Das wurde auch am Abend klar, als alle bei einer Jam-Session zusammensaßen und gemeinsam „Bella Ciao“ sangen, begleitet von irakischen Instrumenten und Rhythmen. Das erlebt man nicht oft im Leben. Uns allen wurde, denke ich, bewusst, dass so etwas ein großer Schatz ist.

©Abdullah Rashid
Das französiche Trio "SAMAÏA" ©Abdullah Rashid
©Abdullah Rashid

Du hattest es schon erwähnt – und Ali Al-Baroodi beschreibt es in seinem Artikel „The Music Plays Again in Mosul” : Der Islamische Staat hat die Musik in Mosul praktisch ausgerottet und Musiker*innen verfolgt. Hatten diese schlimmen Erfahrungen Auswirkungen auf die Festivalplanung? Wie stand es um die Sicherheitslage? War es schwierig, Musikgruppen aus dem Ausland zu rekrutieren?

HN: Das war unterschiedlich: Eine Band konnte zum Beispiel nicht in Mossul übernachten und musste abends noch nach Erbil fahren. Andere Teilnehmer*innen konnten sich wiederum frei in Mossul bewegen und sogar den Markt besuchen. Das hing aber nicht direkt mit ISIS zusammen, sondern eher mit der allgemeinen Sicherheitslage im Land und damit, wie die jeweiligen Heimatländer der ausländischen Musiker*innen diese einschätzten. Es gibt generell hohe Sicherheitsstandards und Kontrollen, wenn man nach Mossul fährt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Sicherheitslage in Bezug auf das Musikfestival außergewöhnlich angespannt war. Die Bedrohung durch ISIS ist zwar immer noch ein Thema, spielt aber bei Weitem keine so große Rolle mehr.

Ist das Festival beim Publikum und in der Stadt gut angekommen?

HN: Davon gehe ich auf jeden Fall aus. Das Festival war immer gut besucht, auch am letzten Tag noch. Und gerade, als an einem Abend getanzt wurde, hatte ich das Gefühl, dass alle sehr glücklich in dieser doch noch etwas ungewohnten Freiheit waren, die sie in diesem Moment hatten. Man muss natürlich sagen, dass vor allem die gesellschaftliche Elite der Stadt am Festival teilgenommen hat. Diese initiiert derlei Veränderungen aber meistens, deswegen finde ich das nicht unbedingt schlimm.

Glaubst du, das Projekt hat sein Ziel erreicht und einen Anreiz geschaffen, weitere Kulturprojekte in Mossul zu starten?

HN: Es gab vorher schon kleinere Kulturprojekte in Mossul, aber das Musikfestival war größer und professioneller. Ich denke, es hat jungen Bands einen Anreiz geboten, etwas in der Stadt anzupacken. Der Anspruch ist da, dieses Festival einmal im Jahr zu veranstalten. Dafür müssen wir jedoch abwarten, wie sich die politische Situation im Land entwickelt. Ich fände es auf jeden Fall sehr schön und kann mir vorstellen, dass das „Mosul Traditional Musik Festival“ so etwas wie eine Initialzündung war.

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