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MEP Hannah Neumann with a number of Afghan women and MEPs Heidi Hautala and Maria Arena

„Afghan Women Days“ – eine besondere Erfahrung

Entführte Frauenrechtlerinnen, Einschüchterungsversuche gegen Frauen, die gegen das Burka-Gebot demonstrieren, Schulschließungen für Mädchen … seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan verschlechtert sich die Lage für Frauen und Mädchen im Land immer weiter und die Taliban schließen Frauen bisher aus allen politischen Positionen und Verhandlungen aus.

Das Europäische Parlament hat daher diese Woche die „Afghan Women Days“ veranstaltet: Hier trafen Abgeordnete des Europäischen Parlaments, prominente afghanische Frauen, die in der Endauswahl für den Sacharow-Preis 2021 standen, Vertreter *innen der Europäischen Kommission und der Vereinten Nationen sowie Vertreter*innen anderer internationaler Organisationen zusammen, um die äußerst besorgniserregende Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan zu erörtern.

Ich hatte dabei die Gelegenheit, eine Reihe von unglaublich mutigen und beeindruckenden afghanischen Frauen zu treffen, die auch im Exil weiter für ihr Land kämpfen. Im Bild oben sind – neben meinen Kolleginnen Maria Arena (2.v.l.) und Heidi Hautala (4.v.r.) – die folgenden Frauen zu sehen (v.l.): die ehemalige Vorsitzende der Unabhängigen Menschenrechtskommission Afghanistans, Shaharzad Akbar; die ehemalige Bürgermeisterin Zarifa Ghafari; die Filmregisseurin Sahraa Karimi, die ehemalige Vizepräsidentin und Ministerin für Frauenangelegenheiten Sima Samar; und die Friedensunterhändlerin und ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Hohen Friedensrates Afghanistans, Habiba Sarabi.

Bei dem von mir geleiteten Workshop „Solidarity with Afghan women parliamentarians“ kamen u.a. die ehemalige Vizepräsidentin der afghanischen Nationalversammlung, Fawzia Koofi, die Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte, Zivilgesellschaft und Frauenangelegenheiten, Naheed Farid, sowie die afghanische Abgeordnete Shagufa Noorzai zu Wort, die sich derzeit in Griechenland im Exil befindet. Shagufa Noorzai hatte ich erst kürzlich bei meiner Reise nach Griechenland getroffen.

"Für uns ist die Beteiligung von Frauen eine Frage der nationalen Sicherheit"

Shagufa Noorzai, die jüngste der ehemaligen afghanischen Abgeordneten, zeichnete dann auch ein düsteres Bild: „Ich bekomme so viele Anrufe aus meinem Wahlkreis, von Menschen, die Hilfe benötigen, aber ich mir sind die Hände gebunden. […] Hier bin ich nur eine einfache Geflüchtete. Ich habe mein Volk verloren, all das, was ich erreicht habe, meine Heimatland. Viele Menschen aus Afghanistan sind geflüchtet und nun an den vier Ecken der Welt verteilt.“

Ähnlich äußerte sich Fawzia Koofi. Bezüglich der besonders desaströsen Lage der Frauen und Mädchen erklärte sie: „Viele sehen die Beteiligung von Frauen in der Politik oder dem öffentlichen Leben als politische oder soziale Frage. Für uns, die wir in der Konfliktzone Afghanistan gewesen sind – die meisten von uns sind dort aufgewachsen und haben ihr Leben dort verbracht, manche sind dort gestorben und sterben noch in diesem Konflikt – für uns ist diese Beteiligung eine Frage der nationalen Sicherheit.“

 

 
 
 
 
 
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Alle drei Frauen waren sich einig, dass die EU den Frauen Afghanistans beistehen und sie stärken sollte. Außerdem nahm ich noch einige weitere Forderungen aus dem Workshop mit:

  • Die Taliban sollten nicht anerkannt werden, solange diese die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit nicht achten und sich die Lage der Frauen nicht verbessert. (Die Nichtanerkennung der Taliban durch die EU ist bisher politischer Konsens über alle Parteigrenzen im Europäischen Parlament hinweg.)
  • Solange Frauen und marginalisierte Gruppen in Afghanistan selbst keine Plattform für einen politischen Diskurs haben, muss dies in einem anderen Format sichergestellt werden. Das kann z.B. durch eine regelmäßige Wiederholung der „Afghan Women Days“ geschehen. Wir müssen sicherstellen, dass wir auch diejenigen mit einbinden, die sich derzeit in Afghanistan befinden, ohne sie in Gefahr zu bringen.

Selbstverständlich steht die EU in der Pflicht, die Menschenrechte und insbesondere Frauenrechte zu verteidigen und die Demokratie weltweit zu fördern. Darüber hinaus haben wir aber auch eine Verantwortung den Menschen in Afghanistan gegenüber, von den viele gerade großen Hunger leiden und denen wir dringend helfen müssen. Diese beiden Ziele zu vereinbaren, ist oft eine Gratwanderung. In jedem Fall müssen wir solidarisch mit den Afghan*innen sein, und unsere Entscheidungen in Abstimmung mit dem afghanischen Volk treffen – was natürlich die Gruppen mit einschließt, die von den Taliban besonders unterdrückt werden.

Fawzia Koofi fand dann auch ermutigende Worte in ihrer Rede: „Die Herausforderungen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, werden uns nicht zerstören. Wir werden diese Herausforderungen zerstören, weil afghanische Frauen stark sind.“ Verdeutlicht wurde dies durch einen besonders berührenden Moment im Plenarsaal. Das Europäische Parlament hatte unter anderem Aryana Sayeed eingeladen, eine afghanische Sängerin und Songwriterin, die vor der Machtübernahme der Taliban Tabus gebrochen hatte. Ihr Haar nicht zu bedecken, war Frauen unter den Taliban nicht gestattet, genauso durften sie weder singen noch Stadien betreten. Aryana Sayeed hatte alles drei gleichzeitig gemacht: Sie hatte ohne Kopftuch in einem Stadium gesungen. Jetzt, da die Taliban zurück sind, ist all das wieder unmöglich geworden. Aber Aryana Sayeed ist nicht verstummt – sie sang ihr Lied „Lady of the Land of Fire“ nun im Europäischen Parlament.

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